Kritik von allen Seiten – das sagen die anderen zur Generalistik

Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB): Der Ansatz einer generalisierten Ausbildung vernachlässigt die sehr komplexen Anforderungen der einzelnen Pflegerichtungen, beispielsweise die Unterschiede zwischen Langzeit- und Akutpflege oder zwischen medizinisch orientierter Pflege und geronto-psychiatrischer Pflege. Kompetenzen einzuebnen macht Pflegeberufe nicht attraktiver – im Gegenteil: Das führt zu einer Schmalspurausbildung, die die Berufsfähigkeit nach Abschluss der Ausbildung gefährdet.
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): Es ist falsch, einen unausgegorenen Entwurf mit derart weitreichenden Konsequenzen für die Pflege ohne jede Not durch das Gesetzgebungsverfahren zu peitschen. Eine generalistische Pflegeausbildung, garantiert noch lange keine höhere Attraktivität des Berufsbilds. Sollte es durch die Zusammenlegung zu einem Verlust bestimmter Fachkompetenzen kommen, könnte sogar das Gegenteil der Fall sein. Dass auch eine spezialisierte Ausbildung attraktiv sein kann, belegen die zuletzt verzeichneten Ausbildungsrekorde in der Altenpflege. Diese Erfolge dürfen jetzt nicht gefährdet werden.
NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens: „Der Bund setzt gerade die gute pflegerische Versorgung in unserem Land aufs Spiel. Hier wird versucht, ein Gesetz ohne Rücksicht auf Verluste durchzupeitschen. Das ist grob fahrlässig. Der Bund muss das Gesetzgebungsverfahren stoppen, denn wir brauchen zuerst eine Risikofolgenabschätzung“.
bpa Arbeitgeberverband: „Die geplante Zusammenlegung der bestehenden pflegerischen Ausbildungen wird entgegen der Gesetzesbegründung nicht zu einer Attraktivitätssteigerung der Pflegeberufe, sondern zu einem dramatischen Ausbildungsplatzverlust in allen Bereichen der Pflege führen. Das wird den Fachkräftemangel für die Pflegeunternehmen dramatisch verschärfen und die pflegerische Versorgung in Deutschland insgesamt gefährden.“
Deutsche Krankenhausgesellschaft: „Sorgfalt vor Geschwindigkeit. (...) Diesen Anforderungen wird der Referentenentwurf nicht gerecht. Zum einen, weil die dazugehörige Ausbildungs- und Prüfungsverordnung gar nicht vorliegt. Damit sind die zukünftigen Ausbildungsinhalte nicht klar. (...) Für eine auskömmliche Finanzierung der generalistischen Ausbildung ist mit einem höherem, als im Referentenentwurf ausgewiesenen Finanzierungsvolumen zu rechnen. (...) Rund 6.300 Auszubildende in der Kinderkrankenpflege stehen rund 126.000 Auszubildenden in der Kranken- und Altenpflege gegenüber. Diese Zahlen machen deutlich, dass die sogenannten „Pädiatrischen Pflichteinsätze“ für die Auszubildenden der Kranken- und Altenpflege durch die Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in keiner Weise geleistet werden können. (...) Auf keinen Fall darf es dazu kommen, dass die ohnehin knappen Auszubildenden mit Schwerpunkt Alten- und Krankenpflege weiter verknappt werden.“
Hamburger Krankenhausgesellschaft und die Ärztekammer Hamburg: „Die Reform birgt drei wesentliche Risiken: das Interesse an einer Ausbildung und Tätigkeit in der Akutpflege im Krankenhaus wird weiter abnehmen, die Absolventen werden für ihre Tätigkeit im Krankenhaus schlechter qualifiziert sein, und Ausbildungskapazitäten werden reduziert.
Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer warnt mit Blick auf die Krankenpflegekräfte: Die geplante breite, allgemein angelegte Ausbildung mit wesentlich weniger praktischen Einsatzzeiten in den Krankenhäusern als bisher müsse zwangsläufig an vielen Stellen zu Lasten der Tiefe einer zielgerichteten Ausbildung gehen und laufe Gefahr, zu einer oberflächlichen Schmalspur-Ausbildung zu verflachen. Die Krankenhäuser müssten die Absolventen dann aufwendig nachschulen und ihnen die erforderlichen Fachkenntnisse nachträglich vermitteln, was zusätzlich Zeit und Geld koste und eine weitere Belastung für die anderen Mitarbeiter darstelle.
Bundesverband der kommunalen Senioren- und Behinderteneinrichtungen e.V.: „Die vermeintliche Modernisierung der Pflegeberufe durch Aufgabe der bisher eigenständigen Ausbildungen wird insbesondere in der Altenpflege zu immensen Qualitätsverlusten führen! Der Versuch, drei Ausbildungsgänge in eine einzige dreijährige Ausbildung zusammenzufassen kann nicht gelingen. Die Fachlichkeit wird auf der Strecke bleiben!“
Verbände aus der Kinderkrankenpflege: Kinder- und Jugendärzte, Kinderchirurgen und Kinderkliniken fordern den Erhalt der Kinderkrankenpflege in der Erstausbildung, weil gerade Kinder eine spezialisierte Pflege benötigen. Sollte die generalistische Pflegeausbildung realisiert werden, wären kranke Kinder eindeutig die Verlierer und damit Opfer der Pflegeausbildungsreform.
CSU Landesgruppe im Bundestag: „Es besteht die Gefahr, dass die einheitliche Ausbildung mehr Schaden als Nutzen bringt. (...) Es steht zu befürchten, dass Hauptschüler und Berufswiedereinsteiger mit den gestiegenen Anforderungen nicht Schritt halten können und damit weniger Absolventen für eine Tätigkeit in der Altenpflege zur Verfügung stehen. (...) Der Gesetzentwurf ebnet zudem den Weg zur generellen Akademisierung in der Pflege. Das ist der falsche Weg. Wir brauchen vor allem Pflegepersonal, das Dienst am Menschen leistet, nicht am Schreibtisch. Die Reform darf nicht zulasten des ländlichen Raums gehen. Die Ausbildung muss auch weiterhin dezentral und in kleineren Ausbildungseinheiten möglich sein.“
Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen fordert ein Moratorium. Im Rahmen einer Risikoabschätzung soll zunächst eine fundierte und umfassende Risikofolgenabschätzung, die die Auswirkungen der geplanten Reform auf die Qualität der pflegerischen Versorgung sowie auf die Quantität der Ausbildungs- und Absolventenzahlen der Pflegeausbildung untersucht. Zudem sei eine detaillierte und realistische Kostenkalkulation und Aufschlüsselung der finanziellen Mehraufwendungen notwendig, die durch die Reform der Pflegeausbildung für die jeweiligen Kostenträger entstehen. Bis dahin solle das gesetzgeberische Verfahren zur Verabschiedung der Reform der Pflegeberufe ausgesetzt werden.
AWO Bundesverband: "Es wird im weiteren Verlauf darauf ankommen, wie die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Ausbildung genau ausgestaltet wird. Wir werden auch den weiteren Gang der Reform konstruktiv und kritisch begleiten. Aus Sicht der Arbeiterwohlfahrt bleibt abzuwarten, ob die Altenpflege mit der neuen Berufsausbildung im gleichen Ausmaß wie heute Fachkräfte gewinnen kann. Sichergestellt werden muss in der Ausbildung, dass auch zukünftig die Spezifika der Altenpflege ausreichend vermittelt werden, um eine fachgerechte Versorgung älterer Menschen ohne Qualitätsverlust sicher zu stellen.“
Paritätischer Wohlfahrtsverband: Als unfertig und handwerklich noch nicht zu Ende gedacht kritisiert der Paritätische Wohlfahrtsverband die Pläne für ein Pflegeberufsgesetz. ""Der vorliegende Gesetzentwurf wirft im Moment noch mehr Fragen auf, als dass er Probleme zuverlässig lösen würde. Wenn der Bundesregierung an Qualität und Attraktivität der Pflegeberufe gelegen ist, muss sie Gründlichkeit vor Schnelligkeit walten lassen und hier dringend noch einmal nacharbeiten."
Nach Ansicht der DGG Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie (DGGPP) und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) braucht es die Zusammenarbeit unterschiedlicher Experten aus Medizin, Pflege und Sozialberufen in multiprofessionellen Teams um die vielfältigen medizinischen und pflegerischen Herausforderungen der Zukunft einer alternden Gesellschaft zu meistern.
Ein Pflegegeneralist, der wie bisher 3 Jahre ausgebildet wird, sich allerdings in dieser Zeit Kompetenzen in allen drei bisher getrennten Ausbildungsberufen aneignen soll, kann zwangsläufig auch nicht annähernd die jetzt im einzelnen Berufsfeld geforderten Kenntnisse und Erfahrungen erwerben. Aus Sicht der Fachgesellschaften ist mit dem vorgeschlagen Vorgehen weder eine Steigerung der Attraktivität der Pflegeberufe noch eine Steigerung der Ausbildungszahlen zu erwarten. Aktuelle Studien der DGGPP und des BIBB lassen das Gegenteil erwarten.